"Hoffentlich hat Mama Alkohol getrunken."


"Hoffentlich hat Mama Alkohol getrunken."

So dachte ich oft als Kind, wenn ich von der Schule nach Hause lief. 

Denn wenn Mama etwas getrunken hat, war sie ein Mensch, der einen in den Arm nahm. Sie erlaubte dann Dinge, die sie normalerweise nicht erlaubte. Dann durfte ich raus mit Freunden spielen oder ich durfte mir am Kiosk Süßigkeiten kaufen.

Wenn ich vor unserer Eingangstür den Rauch von Zigarettenqualm und Räucherstäbchen roch, konnte ich mir eigentlich ziemlich sicher sein, dass Mama Alkohol getrunken hat. Sie rauchte selten im nüchternen Zustand. Wenn Mama Alkohol getrunken hat, sprach sie freundlich und lieb mit mir.

Diese Situationen nutzte ich meist um verpatzte Klassenarbeiten vorzuzeigen sowie unterschreiben zu lassen. Dann war das Gemecker nicht ganz so schlimm und ich kam meist straffrei davon. Ich traute mich zu fragen, ob ich mich mit einer Schulfreundin treffen kann, denn meist durfte ich. Genauso bekam ich eher Geld für Süßigkeiten oder für´s Kino. Des Öfteren ging ich für sie zum Kiosk und holte ihr Bier und Zigaretten. Damit das möglich war, gab sie mir immer einen Zettel mit, auf dem stand, dass ich für sie Bier und Zigaretten holen darf. Manchmal durfte ich mir dann auch ein Eis oder eine Zeitschrift kaufen.

In der Zeit, in der Mama Bier und Wein trank, hörte sie laut Musik. Den Nachmittag über tönte ein Wechsel aus traurigen Balladen und deutschem Partyschlager aus ihren Boxen. Zwischendurch telefonierte sie mit Männern aus Zeitungsannoncen wie "Er sucht Sie" oder Telefondatinghotlines. Manchmal sollte ich auch mal "Hallo" in den Hörer sagen. Aber gerne machte ich das nicht.

In meiner Jugend, als das Internet immer mehr in Mode kam, saß sie stundenlang vor ihrem PC und chattete auf Singleseiten, um Männer kennenzulernen.

Ich genoss diese Momente. Meist hielt die seelische Ruhe nämlich nicht lange an.

Sobald Mama über ihrem Pegel war, wurde sie sentimental und melancholisch. Ich habe sie versucht zu trösten oder ich sass nur neben ihr und hörte ihr zu. Sie wirkte wie ein kleines verzweifeltes Kind, um das ich mich kümmern musste. Sie schimpfte über die Männer. Erzählte mir von ihrer Trauer, dass sie nie ihre Mutter kennenlernen dufte und ihr Vater viel zu früh gestorben ist. Dass sie nur Pech im Leben hat. Ich musste sie oft umarmen. Das tat ich aber eigentlich wurde es für mich immer mehr zur Qual.

Danach bekam sie Heißhunger und ich fand es immer so ekelig, ihr beim Essen zu zuschauen. Sie schlang ihr Essen in sich hinein und versaute sich dabei ihr halbes Gesicht. Wenn sie fertig war, rülpste sie mehrmals und unüberhörbar. Ich fand es fürchterlich, denn hätte ich mich jemals so benommen, hätte ich mächtig Ärger bekommen. Sobald die Wirkung des Alkohols allmählich nach ließ, wurde sie fahrig und genervt. Zum Glück ging sie dann auch bald in´s Bett. Und ich auch. 

Der nächste Tag war meistens ein alkoholfreier Tag.

Ich habe diese Tage gehasst.

 

 

14.8.15 15:05

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